Vom Gemüseacker in den Schweinestall

Matthias Zentgraf zeigt Schulkindern, wie der grüne Romanesco-Kohlkopf aussieht – Foto: Petra Zentgraf

Auf dem Hof der Familie Zentgraf kann man erleben, was Kreislaufwirtschaft ist und wie Gemüse in der Rhön wächst und schmeckt

Ein Kita-Ausflug auf dem Rhöner Kartoffelhof startet meist am Gemüseacker. Die Kinder laufen dann am Rand des Ackers entlang und dürfen Gemüsesorten raten. Hier finden sie Arten, die es Supermarkt nicht gibt, zum Beispiel violetten Blumenkohl, rote Kartoffeln oder blauen Kohlrabi. Viele Kinder wissen auch nicht mehr, wie Grünkohl, Rotkohl oder Zuckermais wachsen. „Wir probieren jedes Gemüse roh, und wenn es mal zwei bis drei Blättchen sind“, sagt der Landwirt Matthias Zentgraf. Er engagiert sich schon seit seiner Jugendzeit als Jugendwart und ist aktives Mitglied des Rhönklub Zweigvereins Batten-Findlos e.V., der sich den Naturschutz in der Rhön auf die Fahnen geschrieben hat.

Vom Feld auf den Teller

Nach dem Gemüserätsel kommt das gemeinsame Ausgraben und Ernten. Die Kinder lernen, wie man richtig erntet und wie einfach es sein kann, kleine Gerichte herzustellen, direkt vom Feld auf den Teller. Durch die Förderung von Sei-Hessen gibt es jetzt ein Erntezelt, einen großen Kochtopf und einen Gemüseschneider. So werden auch Hofbesuche möglich, wenn das Wetter mal etwas frischer ist.

Der Gemüse- und Kartoffelanbau in der Rhön ist eine Kunst, denn die meisten Böden sind schwer und tonhaltig. „Da muss man viel in die Bodenbearbeitung reinstecken,“ sagt Zentgraf, der den Hof von seinem Vater übernommen hat. Aber es lohnt sich. Denn in schweren Böden werden die Kartoffeln besonders aromatisch. Und der regionale Anbau verbessert die Versorgung mit frischen Lebensmitteln vor Ort, ein Aspekt der immer wichtiger wird.

So funktioniert Kreislaufwirtschaft

Der Höhepunkt für viele Kinder ist, dass sie zum Schluss die Schweine füttern dürfen. 15 Tiere haben die Zentgrafs in einem Offenstall. Die haben es richtig gut, denn sie können im Stroh wühlen, draußen sein und spielen.

Die Schweinehaltung ist gelebte Kreislaufwirtschaft. Die Tiere bekommen Kartoffeln, die sich nicht verkaufen lassen, weil sie kleine Fehler haben, zu groß oder zu klein sind. Gut zehn Tonnen kommen so im Jahr zusammen. „Wir dämpfen die Kartoffeln und füttern sie den Schweinen. Auch das ist eine Form der Lebensmittelrettung“, sagt Zentgraf.

Er versucht, den Kindern beizubringen, dass man so viel von der Ernte wie möglich verwertet. Daher werden bei den Zentgrafs Gemüse-Überschüsse eingemacht. Und aus Äpfeln wird guter Saft. Auch das geht jetzt leichter, denn die elektrische Schneidmühle und die Hydrosaftpresse wurden ebenfalls im Rahmen des Projektes gefördert.

Ein Herz für die Rhön

Der Rhönklub Zweigverein Batten-Findlos e.V. ist ein Heimat- und Kulturverein mit über 250 Mitgliedern. Sie setzen sich für den Erhalt seltener Pflanzen, die Pflege heimischer Tiere und den Schutz der Kreaturen ein. Mit vielfältigen Aktivitäten werden Menschen dazu eingeladen, sich für die Region und die Bewahrung der Natur- und Kulturlandschaft zu engagieren.

Interview mit Matthias Zentgraf, Nebenerwerbslandwirt und pädagogischer Leiter

Was war für Sie ein schöner Moment oder Erfolg in diesem Projekt?

Ein schöner Moment ist, wenn die Kinder draußen sind, Möhren aus dem Boden herausziehen und sie in die Luft halten wir einen Pokal. Das ist immer wieder schön und neu, gleich ob die Kinder vier Jahre alt sind oder ob es Jugendliche mit 14 sind. Es macht auch kaum einen Unterschied mehr, ob die Kinder aus der Stadt oder vom Land sind. Das Wissen über Landwirtschaft und der Kontakt zu Höfen fehlt mittlerweile auch Kindern aus dem Dorf.

Wenn jemand dieses Projekt nachmachen will, welche Erfahrungen oder Tipps können Sie weitergeben?

Man muss sich eine sinnvolle Reihenfolge überlegen, wie so ein Besuch abläuft. Wenn man etwas Pädagogisches einbaut, dann am besten am Anfang des Besuches. Danach kommt die Praxis, das Graben, Ernten und Schneiden. Die Tierbegegnung am Schluss ist dann das Highlight. Umgekehrt funktioniert es nicht. Da bekäme man die Kinder nicht mehr von den Schweinen weg.

Was ist Ihre Motivation oder vielleicht auch ihr Erfolgsgeheimnis?

Jugendarbeit war mir schon immer wichtig und es macht Freude. Es ist auch schön, die Dankbarkeit der Menschen mitzuerleben, wenn sie sehen, wo etwas herkommt, wie gut es bei uns wächst und wie ein Tier lebt. Gerade die Tierhaltung ist ja für Viele eine Blackbox. Auch bei Erwachsenengruppen sagen die Teilnehmenden immer wieder, dass sie froh sind, einen Einblick zu bekommen.

Ein Teil meiner Motivation ist es auch, den Berufskollegen zu zeigen, dass hier schon etwas möglich ist. Wir können natürlich nicht mit Großbetrieben konkurrieren, die große Mengen auf Sandböden produzieren, aber unsere Kartoffeln haben eine besondere geschmackliche Qualität.

Wenn viele Menschen diese Idee umsetzen würden, wie sähe die Welt dann aus? Und was bräuchte es dafür?

Wenn jeder zweite Landwirt Menschen auf seinen Hof lassen würde und zeigen würde, was er macht und was er anbaut, dann würde sich vermutlich die Bereitschaft der Menschen verbessern, auch lokal einzukaufen. Ein typische Kunde für mich ist einer, der auf dem Weg zum Supermarkt bei den lokalen Produzenten vor Ort vorbeifährt, bei dem Gemüsehof, beim Metzger und beim Hühnerhof. Die letzte Station wäre dann der Supermarkt. Wenn sich das durchsetzen würde, dann wäre das ein großer Mehrwert für die regionale Wertschöpfung.

Interview: Gesa Maschkowski

Links:

Jetzt geht’s ran an die Kartoffeln. Foto: Petra Zentgraf

So geht Resteverwertung. Foto: Matthias Zentgraf

Ein Jugendlicher hilft beim Saft machen Foto: Barbara Vierling