Spaß muss sein, dachten sich Mitglieder des Ernährungsrates Marburg und Umgebung (EMU) und schlüpften kurzerhand in überdimensionale Lebensmittelfiguren. Die haben die frohe Botschaft vom bunten Bauernmarkt durch die ganze Stadt getragen. Denn einmal im Jahr wird der Elisabethmarkt zum Treffpunkt der munteren mittelhessischen Regionalbewegung. Gut 30 Anbieter und Initiativen hatte der EMU zusammengetrommelt.
Kulinarische und kreative Projekte aus der Region
Unter dem Motto „Mittelhessen geschmackvoll“ konnten die Besucher erkunden und probieren, was die Region zu bieten hat: Kaffee, Knäcke, Kuchen, Pralinen, Semmelknödel, Wildfleisch, Cidre, Apfelsaft und Suppe, Algenprodukte aus Deutschland und natürlich frisches Brot, Obst und Gemüse, „Woscht und Käs“ aus der Region. Auch Ernährungsinitiativen belebten den stimmungsvollen Platz an der Elisabethkirche. Wer Anschluss und gute Ideen suchte, konnte sich bei den Ständen der regionalen Ernährungsräte informieren, bei Foodsharing einsteigen, sich über eine Mitgliedschaft in der solidarischen Landwirtschaft oder auch bei Slow Food Hessen informieren, die den Markt mitveranstaltet haben. „Fast alle Anbieter, mit denen wir zusammenarbeiten, sind gekommen“, freute sich Wulf Hahn, Vorstand des EMU. „Und die Resonanz war überwältigend“. Er schätzt, dass im Jahr 2025 mehr Besucherinnen und Besucher kamen, als jemals zu vor.
Durch die Förderung von SEI Hessen konnte der EMU für seine Bildungsarbeit ein Messezelt anschaffen und die beliebten Kochlöffel aus Holz nachbestellen, das Kinderprogramm organisieren und Musik aufspielen lassen – aus der Region, versteht sich.
Was Ziegenkäse mit dem Erhalt der Naturlandschaft zu tun hat
Den Mitgliedern des Ernährungsrates geht es um mehr als um gutes Essen. Sie legen Wert auf kurze Transportwege, nachhaltige und klimafreundliche Produktion und regionale Wertschöpfung. Es geht ihnen auch um die Pflege und den Erhalt der hessischen Kulturlandschaft. Denn wer einen regionalen Käse kauft, ermöglicht auch, dass es noch Schafe unter Obstbäumen und Kühe auf der Weide gibt. So ist ein Käse nicht nur ein kulinarisches Erlebnis oder ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein Stück Kulturgut.
Wertschätzend und kreativ den Ernährungswandel gestalten
Der Ernährungsrat Marburg und Umgebung versteht sich als Plattform für lokale und regionale Akteure, die sich für ein faires und regeneratives Ernährungssystem einsetzen. Er bietet Initiativen, Politik und Verwaltung, Stadt und Landkreis an, in seinen Gremien mitzuwirken. Und er entwickelt konkrete Projekte für ein lokales Ernährungssystem. Eines dieser Leuchtturmprojekte ist der LebensMittelPunkt Wehrda (LMP), der schon 2023 zu den SEI-Förderprojekten gehörte. Dort ist aus einem ehemalige Frisörladen ein Lebensmittel Abhol- und Verteilort für die Wehrdaer Einkaufsgemeinschaft geworden! Sie hat sich vorgenommen gesunde und nachhaltige Ernährung für die Wehrdaer leicht zugänglich zu machen. Jeden Mittwoch liefern Kleinerzeuger aus der Region frische Lebensmittel, die von der Einkaufsgemeinschaft wöchentlich vorbestellt werden können. Lebensmittel sind für die Mitglieder günstiger, denn sie werden zum Einkaufspreis abgegeben.
Interview mit Wulf Hahn, Vorstand des Ernährungsrates Marburg und Umgebung
Was war für Sie ein schöner Moment oder Erfolg in diesem Projekt?
Der schönste Moment war, als wir mit den Gemüsefiguren in der Stadt unterwegs waren. Die Leute fanden das witzig, haben nachgefragt und sind aufmerksam geworden. Auch der Bürgermeister hat sich Zeit für ein Gespräch genommen. Und es war schön, mit den Menschen auf dem Markt ins Gespräch zu kommen. So sind viele neue Kontakte entstanden.
Wenn jemand dieses Projekt nachmachen will, welche Erfahrungen oder Tipps können Sie weitergeben?
Man sollte frühzeitig mit der Planung und Organisation anfangen. Und man sollte das möglichst im Team machen, damit man Aufgaben verteilen kann und sich frühzeitig Gedanken machen, wie die Öffentlichkeitsarbeit läuft. Jemand muss mit der Stadt Kontakt aufnehmen und klären, wie die Infrastruktur drum herum ist. Wir konnten zum Beispiel ein Tischmöbel und Bänke von der Stadt nutzen. Und wir sind kostenlos an Strom gekommen. Am Morgen kam eine Dame vom Stadtmarketing und hat die Stromanschlüsse aufgemacht. Das war eine große Erleichterung.
Außerdem braucht es eine zentrale Ansprechperson, die Helferinnen und Helfer einweist und den Marktaufbau koordiniert. Ganz wichtig ist uns auch das gemeinsame Marktfrühstück mit allen Marktanbietern am Morgen noch bevor die Besucher*innen kommen. Das organisieren und finanzieren wir als Ernährungsrat.
Was ist Ihre Motivation oder vielleicht auch ihr Erfolgsgeheimnis?
Wir sind angetreten, um die Politik von der Ernährungswende zu begeistern. Wir wollen die Biolandwirtschaft stärken und scheuen auch die Zusammenarbeit mit konventionellen Betrieben nicht. Wir wollen das Wissen, über gesunde Ernährung an die Leute tragen und gleichzeitig die Strukturen verbessern. Wir sind im Moment dabei, mit Gärtner*innen einen zweiten Gemeinschaftsacker in der Stadt Kirchheim aufzubauen. Wir überlegen auch, einen weiteren LebensMittelPunkt aufzubauen. In Wehrda haben wir vielfältige Lieferbeziehungen und auch dafür gesorgt, dass die Landwirte einen guten Preis bekommen. Das ist heute keine Selbstverständlichkeit.
Wenn viele Menschen diese Idee umsetzen würden, wie sähe die Welt dann aus? Und was bräuchte es dafür?
Je mehr regionale Märkte es gibt und je mehr LebensMittelPunkte, desto stärker wird der Druck auf den herkömmlichen Lebensmittelhandel, sich zu verändern. Wie haben in Wehrda vor, bis 2030 Ernährungs-souveränität zu gewinnen, das heißt, mehr und mehr selbst zu bestimmen, woher unser Essen kommt. Das braucht nicht nur Unterstützung von Kommune und Land, sondern auch aus dem Landkreis. Da sehen wir schon sehr unterschiedliche Akzentsetzung.
Text und Interview: Gesa Maschkowski
Mehr Infos:
- Ernährungsrat Marburg und Umgebung: https://ernaehrungsrat-marburg.de/
- LebensMittelPunkt Wehrda: https://lmp-wehrda.de/



