Die Knüller Hühner sind der Knaller

Das Hühnergehege im Kindergarten – jetzt dürfen die Hühner kommen Foto: Miriam Wagner

Das Hühnergehege im Kindergarten – jetzt dürfen die Hühner kommen Foto: Miriam Wagner

Die Hühner aus dem Dorf Knüllwald sind regelmäßig mit dem Bus unterwegs. Dann fahren sie mit Sack und Pack, Stall und Futter zu ihrem Einsatz im nächsten Kindergarten. Es handelt sich um eine bunte Mischung Zwerghühner. Die sind bekannt für ihr zutrauliches Wesen. Trotz ihrer Unterschiede leben die Tiere harmonisch in einer Gruppe zusammen. Das ist ein Zeichen für gelebten Respekt und Vielfalt findet Miriam Wagner, die das Projekt „HühnerZeit – Mit allen Sinnen zur nachhaltigen Ernährung“ leitet.

Wenn der Stall und das Gehege aufgebaut und alle Fotokarten aufgehängt sind, dann beginnen für die Kinder zwei ganz besondere Wochen. Sie übernehmen altersgerechte Aufgaben wie Füttern und Ausmisten. Sie erfahren, was Tiere zum Leben brauchen und was es heißt, dafür Verantwortung zu übernehmen. Und sie erleben hautnah, wie Eier entstehen, mit denen sie Kochen und Backen können. So entsteht ein direkter Bezug zur Herkunft alltäglicher Lebensmittel. Besonders beliebt ist das Einsammeln der Eier, berichtet Miriam Wagner.

Die Förderung im Rahmen von SEI-Hessen hat drei Kitabesuche und die Entwicklung von einem Bilderbuch ermöglicht. Denn Kindergärten haben häufig zu wenig Mittel und Erfahrungen, um so ein Hühnerprojekt umzusetzen.

AKGG e.V. – Rehabilitation, Teilhabe und Bildung für Alle

Der Arbeitskreis Gemeindenahe Gesundheitsversorgung (AKGG) e.V. setzt sich für die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen ein. Dafür haben sich Fachkräfte aus medizinischen und sozialen Berufen zusammengeschlossen. Sie entwickeln bedarfsorientierte Bildungs- und Beratungsangebote und unterstützen die Bevölkerung im Schwalm-Eder-Kreis und im Werra-Meißner-Kreis mit Informationen aus den Bereichen Jugendhilfe, Beeinträchtigung und Rehabilitation.

Interview mit Miriam Wagner, Projektleitung und Malte Kummer vom AKGG e.V. über das Projekt Hühnerzeit

Was war für Sie ein schöner Moment oder Erfolg in diesem Projekt?

Miriam Wagner: Das schönste sind die leuchtenden Kinderaugen, wenn ich die Hühner wieder abhole. Die Kinder erzählen mir, welches Huhn besonders verfressen ist und welches besonders zutraulich ist. Es freut mich sehr, wenn Menschen erkennen, dass Hühner liebenswerte Geschöpfe sind. Denn das, was man kennt, das möchte man auch schützen. Ein Erzieher hat berichtet, dass die Hühner einem Kind die Eingewöhnung erleichtert haben. Eine andere hat in der Zeit ihre Angst vor Hühnern abgelegt.

Malte Kummer: Unser Verein kommt aus der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung. Es geht dabei um Inklusion und die Verhinderung von Diskriminierung und Ausgrenzung. Die Knüllerhühner sind eine Gruppe von Zwerghühnern ganz unterschiedlicher Rassen. Sie haben für sich eine Gesellschaft gebildet, die trotz ihrer Vielfalt friedlich miteinander lebt. Das ist ein schönes Vorbild.

Wenn jemand dieses Projekt nachmachen will, welche Erfahrungen oder Tipps können Sie weitergeben?

Miriam Wagner: Es ist sehr wichtig, dass man den Hühnerbesuch sehr gut vorbereite und auch berücksichtigt, dass die Kinder noch nicht lesen und schreiben können. Man muss auch Vorsorge für den Notfall betreiben und erklären, wie die Erziehenden und Kinder dann reagieren. Wenn Kitas das nachmachen wollen, dann wäre es gut, wenn sie sich an jemanden wenden, der das schon einmal gemacht hat. Denn es gibt Vieles, an das man vorher denken muss.

Malte Kummer: Es braucht auch die Offenheit, das mal auszuprobieren und die Bereitschaft, etwas Neues zu lernen. Es braucht tiergeschützte Lernorte und auch die Energie, Fördervereine zu aktivieren, weil so eine Mensch-Tier-Begegnung nachhaltige Lernerfahrungen bringt.

Was ist Ihre Motivation oder vielleicht auch ihr Erfolgsgeheimnis?

Miriam Wagner: Dieses Projekt liegt mir wirklich am Herzen. Ich möchte Kinder auch auf eine andere Art, auf eine haptische Art erreichen. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, früh mit solchen kleinen Dingen anzufangen damit die Kinder ein Gefühl für die Natur, die Ernährung und ökologischen Kreisläufe entwickeln. Das ist ja in vielen Familien nicht mehr gegeben. Daher finden wir gut, wenn Kinder auch unabhängig von ihrer Herkunfts-familie solche Erfahrungen machen können.

Es wird auch immer wichtiger, ein Gegengewicht zur digitalen Welt aufzubauen. Wenn es im Außenbereich der Kindergärten ein Highlight gibt, dann ist das wie ein Magnet, rauszugehen und die Tiere zu füttern – auch wenn es regnet. Wenn die Kinder mal erlebt haben, wie cool das ist, dann entwickeln sie dafür eine ganz andere Offenheit. Es wird ja immer schwieriger, an Orte zu kommen, wo überhaupt noch Tiere gehalten werden.

Wenn viele Menschen diese Idee umsetzen würden, wie sähe die Welt dann aus? Und was bräuchte es dafür?

Miriam Wagner: Die Welt sähe bunter aus, es gäbe mehr Lebensfreude, wir wären kreativer und natürlicher und achtsamer. Dieses Projekt ist ja nur ein Anfang. Die Kinder beschäftigen sich mit der Haltung und mit Eiern. Wenn die Hühner länger da wären, könnte man noch mehr machen. Das würde mehr Behutsamkeit auslösen im Umgang mit Tieren.

Das Thema Ernährung und die Pflege von Tieren und Schulgärten, aber auch das Kochen, das wird in unserem Bildungssystem völlig vernachlässigt. Dafür möchte ich mehr Bewusstsein schaffen. Wir haben hier einen von Europas größten Geflügelschlachthöfen. Täglich werden zehntausende von Hühnern geschlachtet, die Abwässer werden in die Flüsse eingeleitet. Da redet niemand drüber, das möchte ich gerne ändern.

Malte Kummer: Es bräuchte mehr Menschen, die Lust haben und sich dafür Zeit nehmen, Gelder zu beschaffen, damit solche Projekte laufen können. Die ganzheitlichen Erfahrungen zum Zusammenhang von lebendigen Tieren und alltäglichen Nahrungsmitteln sind prägend für die Beziehung der Kinder zu Ihrer Umwelt.

Wie geht es jetzt mit ihrem Projekt weiter?

Jetzt ist erst einmal Winterpause. Nächstes Jahr werden die Kindergärten wieder angeschrieben und informiert. Aber sie müssen gucken, wie sie das finanzieren. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, dass sie sich an ihre Gemeinden wenden oder dass man die Kosten auf die Eltern verteilt. Ich arbeite auch an einem kleinen kompakten Büchlein. Auch für die Kindergärten und Schulen im Schwalm-Eder-Kreis soll es ein Angebot geben.

Text und Interview: Gesa Maschkowski

Link:

Arbeitskreis gemeindenahe Gesundheitsversorgung: http://www.akgg-ev.de/

Wer kommt denn da? Foto: Miriam Wagner